Rutger Bregman
Utopien für Realisten
Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen
Rowohlt 2021
ISBN-13 978-3748401278
rez. v. Helen Akin
Eine Weltkarte, in der das Land Utopia
nicht verzeichnet ist, verdient keinen
Blick, denn sie lässt die eine Küste aus,
wo die Menschheit ewig landen wird.
Und wenn die Menschheit da angelangt
ist, hält sie Umschau nach einem
besseren Land und richtet ihre Segel
dahin. Der Fortschritt ist die
Verwirklichung von Utopien.
Oskar Wilde
Bregmans zentrale These ist, dass wir alle es zunehmend verlernen, uns eine andere Welt als die gegebene auch nur vorzustellen. Das utopische Denken ist auf dem Rückzug aus verschiedenen Gründen: Weil wir uns von alten Wohlstandsvorstellungen nicht lösen können oder große Ideen für verdächtig halten.
Eine Momentaufnahme: Trotz all der Beschwerden, leben wir in einer Welt, die so reich ist wie nie zuvor. Die meisten Menschen in Westeuropa und auch an vielen anderen Orten haben Heizungen, Rentensysteme, Gesundheitsversicherungen, leben länger, gesünder, genießen Bildung. Im Mittelalter wäre dieser Zustand einer Utopie gleichgekommen. Warum aber ist unsere Ära so freudlos, warum steigen zugleich die Zahlen von Depression und Burnout, ein allgemeiner Nihilismus und Hedonismus? (18)
Bregmans Antwortet lautet: Weil unser Horizont leer bleibt; die Wohlstandswelt bleibt sinnentleert, wo sie keine neuen Ziele anstrebt. „Die Freiheit mag unser höchstes Ideal sein, aber es ist eine leere Freiheit.“ (23)
Worauf Bregman damit anspielt haben viele Autorinnen und Autoren unterschiedlich bezeichnet: Es geht ihm um eine Kritik an einer Fortschrittsvorstellung, die lediglich darauf zielt, Reichweiten und Möglichkeiten zu erweitern, und in deren Mitte die indivduelle Freiheit, allem nachgehen zu dürfen, wonach einem geliebt, das einzig „Heilige“ ist. Diese Art von verantwortungsloser, vermeintlicher Selbstverwirklichung, in der die Welt, die Anderen und die Natur, eigentlich nicht in ihrem Selbstwert vorkommen, macht das Buch für den gemeinnützigen Verein Antigone e. V. interessant.
***
Einige Punkte Bregmanns verdienen es hervorgehoben zu werden:
(1) In seiner Widerrede gegen eine Bürokratie, die auf Angst und Misstrauen setzt, zählt er zahlreiche Beispiele auf von Experimenten dazu, wie verantwortungsbewusst und sparsam arme Menschen mit Geld umgehen, wenn man es ihnen ohne Auflagen und Kontrollmechanismen zur Verfügung steht. Sie wachsen am Zutrauen – nicht an Schikane und Verdacht.
(2) Menschen, denen aus der Armut geholfen wird, treffen klügere Entscheidungen. Sie leben gesünder, haben Zugang zu Bildung, sind weniger häufig von Behinderungen und Krankheiten betroffen. Ihnen Geld früh zukommen zu lassen, entlastet das Sozialsystem und stärkt die gesellschaftliche Kohärenz.
(3) Es gibt einen weit verbreiteten Leistungsmythos, demnach Armut aus Faulheit und Undiszipiliniertheit resultiere und ein unsittliches Verhalten nach sich ziehe. Diese Argumente werden auch seit jeher gegen die Einführung des Grundeinkommen vorgebracht. „Es ist schwer vorstellbar, dass es uns jemals gelingen wird, das Dogma abzuschütteln, man müsse arbeiten, um einen Anspruch auf ein Einkommen zu haben.“ (97)
Dabei führt Bregmann auf, wie viele Kosten die Kontroll- und Aktivierungsmaßnahmen der Jobcenter sind, wie entwürdigend, frustrierend die ständigen Nachweise über die eigene Erwerbsunfähigkeit sind und wie sie am Ende überhaupt nicht zu dem Resultat führen, dass Arbeitslosenzeiten sich verkürzen. All diese Maßnahmen sind lediglich Ausgeburt der Vorstellung, man müsse Faule zur Arbeit zwingen. Sie sind ideologisch, aber nicht funktional.
(4) Das BIP fasst alle Güter und Dienstleitungen, die ein Land erzeugt. Aber fasst es gemeinnützige Arbeit, saubere Luft, Care-Arbeit, Wissensproduktion. Das BIP umfasst außerdem keinen Maßstab, um die Qualität von Gütern und Leistungen zu berurteilen. Güter werden ja auch erzeugt, indem sie Naturgüter verbrauchen, neue Konsumbedürfnisse wecken, die zu Krankheit und Süchten führen können, Kriegswaffen darstellen. „Das ist auch der Grund dafür, warum das Land mit dem größten BIP, die meisten sozialen Probleme hat.“ (108)
„Wir leben in einer Welt, in der die Grundregeln anscheinend lautet, dass wir umso weniger zum BIP beitragen, je wichtiger unsere Tätigkeit für die Gesellschaft ist.“ (109)
Das BIP wurde nach Kriegsende entwickelt, es bietet nicht länger die passende Kennzahl um Wohlergehen, Kultur, Prosperität eines Landes zu messen.
***
Bregmanns zentrale Forderungen umfassen das bedingungslose Grundeinkommen, eine 15-Stunden-Woche und offene Grenzen, um Armut zu bekämpfen und den sozialen Fortschritt zu fördern.
Bregmanns Buch ist mutig und anregend und es denkt jenseits pragmatischer, tagespolitischer Debatten. Sein Denken ist ein Denken „ums Ganze“. Vernachlässigt wird dabei die Analyse der Beharrungskräfte des Systems: die Logik nach der Armut und Reichtum auseinanderdriften und Nationalstaaten sich voneinander abschotten. Indem er immer wieder Zugeständnisse an die kapitalistische Systemlogik macht, etwa selbst ökonomistisch argumentiert – Arbeitsmotivation von Menschen sei höher, wenn sie nicht gezwungen würden; die 15 Stundenwoche sei wirtschaftlich effizient etc. – reproduziert er überdies eben jene Wachstumsvorstellungen bisweilen, die doch eigentlich zur Kritik steht. Wie die Systemzwänge zu kurz kommen, so auch das Ideologieproblem: Realpolitik wird mit Stimmen betrieben; Stimmen, die allzu oft und zunehmend gegenwärtig eben jenem Arbeitsmythos aufsitzen, ökonomistische Abwertungen von Minderheiten betreiben, Arme als faul schelten und rassistische Ressentiments betreiben. Wie also findet die Idee ihre kulturelle Übersetzung, welche institutionellen und praktischen Prozesse bräuchte eine solche Übersetzung etwa im Bildungs- und Politikbereich, welche Interessen wirken am Nachhaltigsten radikalen Veränderungen entgegen? Etc. etc.
Aber am Wichtigsten: Gelingt es Bregmann mit diesen Maßnahmen tatsächlich die Utopie eines guten Lebens zu entwerfen?
Ich glaube nicht, denn dafür fehlt es dem Buch an eigenständigen, positiven, ethischen Überlegungen. Zu bemerken ist dies darin, dass zwar Arbeitszeiten verkürzt werden, aber über Inhalt und Art des Arbeitens selbst sowie Ziel und Gestalt des Wirtschaftens in Bregmans Utopie eigentlich nicht gesprochen wird.